Vor einer Bühne sitzen viele Menschen auf Stühlen und blicken auf eine Gebärdende Person, die auf der Bühne steht. Über der Bühne ist eine Folie an die Wand gebeamt auf der steht: Stadt_formen. Darunter ist das Logo des Berliner Projektfonds Urbane Praxis

Stadt gestalten alle: Konferenz „STADT_FORMEN“ 

Wie kann öffentlich zugänglicher Stadtraum von möglichst vielen für möglichst viele Menschen gestaltet werden? Und wie kann Urbane Praxis zu einer gerechteren und inklusiven Stadtgesellschaft beitragen?

Bei der Konferenz „STADT_FORMEN“ kamen Akteur*innen aus Kultur und Politik sowie ein Publikum aus Kulturschaffenden, Verwaltungsangehörigen und am Thema interessierten Menschen zusammen, um Antworten darauf zu finden. Geladen hat der Berliner Projektfonds für Urbane Praxis (BPUP), der seit 2021 künstlerischen und kulturelle  Projekte im öffentlich zugänglichen Raum fördert – stets mit dem Fokus auf der Wechselwirkung von Kunst, Kultur und Stadtentwicklung. Moderiert wurde die mit 90 Besucher*innen ausgebuchte Konferenz von der Tauben Aktivist*in und Blogger*in Dana Cermane in Deutscher Gebärdensprache. Die Veranstaltung wurde in deutsche und englische Lautsprache übersetzt.

Die Bedeutung des Stadtraumes als einem Ort, an dem vielfältige Akteur*innen Berlins sichtbar sein sollten, hob Helge Rehders von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa hervor. Während der Corona-Krise musste sich die Kultur gezwungenermaßen in den öffentlichen Raum verlagern, was laut Rehders die Gelegenheit bot, innovative und kreative Stadtgestaltung mit neuen Förderprogrammen wie dem BPUP zu institutionalisieren. Dennoch, schloss Rehders, sei die Nutzung von öffentlichem Raum ein umkämpftes Gebiet. Doch wer steht sich in dieser Kampfzone eigentlich gegenüber? Yann Kersaint und Yasmina Bellounar vom Team des BPUP blickten in einem gemeinsamen Vortrag nicht nur auf die eigene Arbeit, sondern benannten Herausforderungen in Stadtentwicklung und kultureller Stadtgestaltung.

In einer demokratischen Gesellschaft sollte die Stadt allen gehören“, sagte Co-Koordinator Kersaint. Diesem Anspruch stünden jedoch heute steigende Lebenshaltungskosten, schrumpfende Freiräume sowie deren Kommerzialisierung und bürokratische Hürden entgegen. Dass der Abbau von Barrieren ein Denken aus mehreren Perspektiven erfordert, legte Yasmina Bellounar, Referentin für Community Outreach und Diversitätsentwicklung, dar. Es gilt, Zugänge zu Fördermitteln wie auch zu Veranstaltungen auf die unterschiedlichen finanziellen, sprachlichen und auf die unterschiedlichen Bedarfe von Menschen auszurichtenkörperlichen Möglichkeiten der Menschen auszurichten     . Ohne zusätzliche Gelder und politische Unterstützung sei das jedoch nicht zu schaffen, stellte Bellounar klar. Daher ist es für den Berliner Projektfonds Urbane Praxis grundlegend, dass ein zusätzliches Budget für Maßnahmen zu Barriereabbau beantragt werden kann. Ausgehend von den bisherigen Erfahrungen werden die nächsten Förderungen mit einer zusätzlichen Summe von 15.000 Euro für Barriereabbau ausgestattet.

Sieben Personen sitzen auf einer Bühne. Über ihren Köpfen ist eine Folie an die Wand gebeamt. Darauf steht: Panel. Was braucht es für eine inklusive und nachhaltige Urbane Praxis in Berlin?.

 

Dass sich Machtverhältnisse in der Stadt auch durch vergangene Gewalt und gegenwärtige Ausgrenzung manifestieren, beleuchteten zwei weitere Beiträge. Anna Yeboah von „Dekoloniale - Erinnerungskultur in der Stadt“ gab Einblick in die Arbeit des Pilotprojekts, das sich der Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus widmet und unter anderem durch Interventionen im städtischen Raum koloniale Spuren sichtbar macht. Schwierig gestalte sich die Zusammenarbeit mit Grünflächenämtern, so Yeboah, weil es oft zu Interessenkonflikten mit dem Denkmalschutz komme. „Wir würden uns wünschen, dass es nicht nur unsere Initiative gibt, sondern ganz viele und deswegen ist der Projektfond für Urbane Praxis so wichtig.“
Für Kate Brehme und Kristin Broussard von der Initiative Berlinklusion spitzt sich die prekäre Situation freier Räume im Hinblick auf Barrierefreiheit noch mal mehr zu. Auch bei den Förderinstrumenten offenbaren sich an Nichtbehinderten ausgerichtete Normen. Breme bemängelte, dass es auf kulturpolitischer Ebene in Berlin keine Verantwortlichen für ihre Interessen gibt und forderte: „Wir brauchen eine Kulturpolitik, die Zugang und Inklusion einschließt und verbindlich festschreibt.“ Nach einer Mittagspause, die Gelegenheit für Stärkung und Austausch bot, konnten sich Besucher:innen in drei Workshops vertiefend und praxisorientiert mit dem Schaffen und Verändern von Räumen auseinandersetzen.

Drei Personen stehen in einem Raum der ehemaligen KINDL Fabrik. Sie geben einen Workhop an die im Raum sitzenden Personen.
Workshop der AG Urbane Praxis

Mit Jakob Turtur und Nicolai Rohrer von der Clubcomission, erarbeiteten die Teilnehmer:innen den kompletten Prozess für die Erschließung von Kulturflächen. Dabei wurde klar: Die Hürden sind höher geworden, die Versuchsspielräume geringer. „Ohne ein klares Konzept, einen Businessplan und Startkapital, sei es heute kaum möglich, etwas aufzuziehen“, sagte Turtur, Mitbegründer des Clubs Jonny Knüppel. Wie man eine Veranstaltung barrierefrei organisiert, was man tun kann und besser lassen sollte, damit sich Gäste mit Behinderungen wohlfühlen, erklärten Felix Brückner und Elnaz Amiraslani von der Initiative Barrierefrei Feiern. „Inklusion kommt oft nicht zustande, weil Menschen ohne Behinderung Angst haben, etwas falsch zu machen“, sagt Brückner. Deswegen empfehlen sie Awareness-Teams vor Ort. Im Workshop des Vereins Urbane Praxis gaben zunächst Sabine Kroner, Kristin Lazarova und Nina Peters einen Einblick in die Arbeit des Netzwerks anhand von vergangenen Aktionen und führten anschließend Diskussionen in Kleingruppen. „Es hat sich herauskristallisiert, dass es sowohl für Kulturschaffende als auch Menschen in der Verwaltung super wäre, wenn es auf Verwaltungsebene eine Ansprechperson gäbe, die mit Urbaner Praxis zu tun hat“, sagt Nina Peters. 

Der Tag endete mit einer Podiumsdiskussion über die Frage, was eine inklusive und nachhaltige Urbane Praxis in Berlin benötigt. Von politischer Seite forderte Matthias Schulz, Wahlkreisabgeordneter der SPD im Wedding, die Entwicklung ein rechtliches Instrument, um auch in privaten Entwicklungsprojekten kulturelle Räume abzusichern. Für den Improvisationstheoretiker und Musiker Christopher Dell liegt die essenzielle Aufgabe darin, sich als Stadtgesellschaft zunächst darüber bewusst zu werden, was unter Stadtraum und urbanem Leben verstanden wird.

Die Architektin und Mitbegründerin der Gestalter*innen-Kooperative coopdisco Roberta Burghardt gab zu bedenken, dass trotz der notwendigen Institutionalisierung das Informelle für eine kreative Stadtgestaltung unerlässlich ist und nicht kaputt gehen darf.  Wie beides erfolgreich zusammengehen kann, erzählten die Macher:innen von zwei durch den BPUP geförderter Projekten: DJ Cecilia Tosh von „Kotti Island“ und ein Teil des Künstlerduos Various & Gould vom Projekt „Monumental Shadows“. Dabei wurde deutlich, dass die inhaltlich verschiedenen Projekte mitunter dieselben Ergebnisse erzielten, nämlich dort Gespräche zwischen Menschen in dieser Stadt zu initiieren, wo vorher Stille herrschte. Neue Kommunikationsräume eröffnen - dies war letztlich auch ein Ziel der Konferenz. „Wir freuen uns, dass Akteur:innen aus verschiedenen Bereichen hier teilweise zum ersten Mal aufeinandertrafen und ihre Perspektiven und Erfahrungen miteinander teilten“ sagte Kersaint. Der abschließende Ausklang bot allen Teilnehmenden die Gelegenheit, diesen Austausch zu vertiefen.

Text von Ina Hildebrandt

Podcast 

Dieser Podcast wurde von Jessie Schmidt, Jury-Mitglied des DRAUSSENSTADT aufgenommen, geschnitten und moderiert.

Hier findet ihr zusätzlich das Transkript des Podcasts:  Transkript Podcast .docx

Drei Stehwände mit Papier stehen in einem Raum. Auf allen Wänden sind Informationen in Mindmaps gemalt und geschrieben.Themen der Wände: Barrierefreie Veranstaltungen, Herausforderungen kultureller Vielfalt, Agile urbane Praxis. Fünf Menschen sitzen auf einer Bühne. Eine Frau hält das Mikro und spricht. Im Vordergrund sitzen zwei Gebärdensprachedolmetscherinnen und übersetzen.

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